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26.04.2013

Niedersächsische Landesforsten beenden Inventur im Solling

Deutschlands Waldgebiet des Jahres ist reich an Holz, beheimatet seltene Natur und ist attraktiv für Waldbesucher

Anne Petereit hat als Forsteinrichterin monatelang allein die Wäldern vermessen

Gut Holz im Wald und viel Platz für die Natur

Forsteinrichtung: Sollingwälder so holzreich wie nie - Anteil alter Laubwälder gestiegen

 

Holzminden, Dassel. Der Solling ist bekannt für seinen Holzreichtum. Neben dem holzverarbeitenden Gewerbe, das sich seit Jahrhunderten im und am Solling angesiedelt hat, sind es auch die Einwohner, die sich am Brennstoff erfreuen. Der Solling liefert ihnen allen Jahr für Jahr rund 250.000 Kubikmeter Holz - und das nachhaltig. War es doch schließlich die Forstwirtschaft selbst, die vor exakt 300 Jahren den Begriff der Nachhaltigkeit prägte.

Doch wer bestimmt überhaupt, was nachhaltig ist und was nicht? Eine die es wissen muss, ist Forstwissenschaftlerin Anne Petereit. Die 34-Jährige hat im vergangenen Jahr im Forstamt Neuhaus die Försterei Schießhaus bei Holzminden "eingerichtet" und kennt den Wald wie ihre Westentasche. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht, den vor zehn Jahren bereits aufgenommenen Waldbestand mit dem Ist-Zustand von heute zu vergleichen. Daraus wird die künftige Bewirtschaftung abgeleitet. Eine Forsteinrichtung ist also eine Inventur und eine Planung gleichermaßen.

"Wie hat sich die Holzmenge und der Wald insgesamt mit seiner Baumartenzusammensetzung entwickelt? Was wurde genutzt, was ist nachgewachsen? Und was können wir künftig nutzen? Das sind nur einige der Fragen, die uns dabei beschäftigen", sagt Petereit. Alle Ergebnisse fließen ein in das so genannte Betriebswerk, das dann für die nächsten zehn Jahre gilt. Für jede "Forstabteilung" - einen Waldbestand, der in der Regel wenige Hektar groß ist - hat Petereit ermittelt, wie viel Kubikmeter von welcher Baumart vorhanden sind und was künftig geerntet werden kann.

Doch bis dahin ist es ein langer Weg. Luftbilder helfen der Forstwissenschaftlerin, sich zunächst einen ersten Überblick zu verschaffen. "Auf denen sind beispielsweise Windwurfflächen gut zu erkennen", erklärt die junge Försterin.

Dann geht es hinaus. Jede einzelne Forstabteilung hat Petereit aufgesucht und dort den vorhandenen Holzvorrat und das künftige Zuwachspotential durch Zählungen und Messungen ermittelt. Waldstück für Waldstück, Tag für Tag, Woche für Woche. Auch in Naturschutzgebieten werden der Waldzustand beurteilt und Maßnahmen zur Pflege der Bestände geplant. Zudem dokumentiert Petereit besonders schützenswerte Altbaumgruppen im Wirtschaftswald. Gemeinsam mit dem Leiter der Försterei Schießhaus, der jeden Winkel seines Waldes genauestens kennt, bespricht sie die Ergebnisse. Doch die Aufnahmen im Wald sind nur ein Teil ihrer Aufgabe - "Etwa die Hälfte der Arbeit wird am Schreibtisch erledigt", sagt Petereit.

Die Niedersächsischen Landesforsten betreiben einen enormen Aufwand - für die Forsteinrichtung im Solling investieren sie knapp 1,3 Mio. Euro - , um die für sie so wichtigen Rahmendaten zu bekommen. Denn diese bilden die Grundlage für die künftige Arbeit im Wald: Insgesamt etwa vier Monate hat sich allein Anne Petereit tagtäglich mit der Forsteinrichtung der Försterei Schießhaus beschäftigt - parallel dazu waren weitere Kollegen in den anderen Förstereien unterwegs.

Herausgekommen ist eine Holzvorratsermittlung und eine Nutzungsplanung, die für den gesamten Solling gilt. Das Ergebnis: So viel Holz wie nie zuvor seit der menschlichen Bewirtschaftung, nämlich fast zwölf Millionen Kubikmeter Holz, stehen im 38.500 Hektar großen Solling. Auf Holzlastern verladen ergäben sie eine Lkw-Schlange von 9600 Kilometern, die von Moskau bis Gibraltar und zurück reichen würde.

Zum Vergleich: Vor 250 Jahren wuchs im Solling aufgrund von Übernutzung, Raubbau und Waldweide gerade mal ein Drittel so viel. Entgegen der landläufigen Meinung gibt es heute viel mehr Wald und Holzvorrat als früher: Reichte das Holz, das auf einem Hektar Sollingwald steht, noch 1950 gerade einmal für den Bau von sieben Holzhäusern, könnten damit heute 16 Holzhäuser errichtet werden. Und das, obwohl Stürme, wie zuletzt Kyrill im Jahr 2007, immer wieder große Lücken in die Wälder und damit in die aufgebauten Vorräte geschlagen haben.

Doch das Holz im Solling ist nicht nur mehr geworden, sondern die Wälder gleichzeitig vielfältiger und ökologisch wertvoller: Die Landesforsten setzen konsequent auf Mischwälder, pflanzen Laubhölzer an und sparen besonders schützenwerte Bereiche vollkommen von der Nutzung aus. So sind seltene oder zuvor ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten, etwa der Uhu und der Schwarzstorch, im Solling wieder heimisch geworden und der Anteil der alten, ökologisch besonders wertvollen Laubwälder hat sich in den vergangenen Jahren stark vergrößert (siehe: Wissenswert).

Doch bei allem Schutz spielt auch die Nutzung des ökologischen und vielseitig verwendbaren Rohstoffes Holz eine große Rolle. Die nachhaltige Wirtschaftsweise, denen die Förster sich seit nunmehr 300 Jahren verpflichtet fühlen, ist Garant dafür, dass es auch künftig davon genug gibt. Besonders deutlich spiegelt sich das in der jährlichen Nutzung wieder: Von den gut zwölf Kubikmetern Holz, die jährlich pro Hektar nachwachsen, werden nur neun Kubikmeter genutzt.

Gültigkeit hat die neue Forsteinrichtung seit Anfang 2013. Für Försterin Anne Petereit ist es ein schönes Gefühl, dass man in eben diesem Jahr auch stolz auf 300 Jahre nachhaltige Forstwirtschaft in Deutschland zurückblicken kann.

 

 

Wissenswert: Das hat die Forsteinrichtung ergeben:

- Auf fast der Hälfte, auf 44 Prozent, wächst die Rotbuche im Solling. Es folgen Fichte (36 %), Eiche (10 %) und Lärche (4 %). Andere Baumarten wie Kiefern, Douglasien, Edellaubhölzer wie Kirsche, Esche und Bergahorn sowie Weichlaubhölzer wie Birke, Weide und Pappel kommen nur zu geringen Anteilen vor.

- Von Jung bis Alt: Im Solling gibt es alle Altersklassen zwischen einem und über 200 Jahren. Die Hälfte der Waldbestände ist zwischen 20 und 80 Jahre alt.

- Wertvolle Altbestände: Während die Holzvorräte in den Nadelholzwäldern durch die Stürme wie Kyrill und Emma leicht gesunken sind, stieg die Holzmasse in den Laubwäldern, vor allem in den Altwäldern, stark an. So erhöhten sich die Holzvorräte in den auch ökologisch wertvollen, alten Buchenwäldern um 40 Prozent, die in den Alteichenwäldern und 23 Prozent.

- Neben den Bäumen im Wirtschaftswald haben die Forsteinrichter auch knapp eine Million Festmeter Holz kartiert, die für den Naturschutz eine besondere Bedeutung haben und von der Nutzung ausgespart sind. Dazu gehören Totholz sowie Bäume mit Vogelhorsten und Nisthöhlen. Die Hälfte dieser geschützten Bäume entfällt auf Eichen und Buchen.

- Nachhaltige Nutzung: Von den jährlich rund zwölf Festmeter Holz, die pro Hektar nachwachsen, sollen nur neun Festmeter genutzt werden. Rund 90 Prozent des Holzes geht übrigens an regionale Holzverarbeiter in einem Umkreis 150 Kilometer. Jährlich werden im Solling - meist von der örtlichen Bevölkerung - 29.000 Festmeter Brennholz genutzt.

 

Steckbrief: Solling ist das Waldgebiet des Jahres

Der niedersächsische Solling ist Waldgebiet des Jahres 2013. Die 38.500 Hektar Wald, die diese Region des östlichen Weserberglandes prägen, sind Lebens-, Arbeits- und Erholungsraum gleichermaßen. So profitiert beispielsweise der Tourismus sehr von dem Waldreichtum der Region: Wanderer und Radfahrer nutzen das gut ausgeschilderte Wegenetz. Verschiedene Hochmoorstege und ein Hochseilgarten, ein Baumhaus-Hotel sowie der Erlebniswald und das Hutewaldprojekt, in dem weidende Heckrinder und Exmoorponys die lichten Eichenwälder erhalten sollen, bilden weitere Besucheranreize.

Der Holzreichtum des Sollings stellt einen besonderen Wert für die Region dar: Über 250.000 Kubikmeter werden jährlich nachhaltig geerntet und vermarktet - etwa an die Holzindustrie, aber auch 30.000 Kubikmeter Brennholz an örtliche Kunden. Neben dem Forstpersonal der beiden Sollingforstämter Neuhaus und Dassel arbeiten auch viele selbstständige Unternehmer in den Wäldern - zusammen sind es fast 150 Arbeitsplätze.

Seit 1991 bewirtschaften die Niedersächsischen Landesforsten den Solling nach den Grundsätzen des so genannten LÖWE-Programms, das für eine langfristige, ökologische Waldentwicklung steht. Davon profitieren auch viele seltene Tierarten wie Wildkatze, Schwarzstorch, Sperlingskauz und Hirschkäfer, für die der Solling ein wichtiger Lebensraum ist. Um diesen zu schützen werden insgesamt eine halbe Million Kubikmeter Holz nicht genutzt, sondern in Schutzgebieten oder als Totholz im Wirtschaftswald vollständig der Natur überlassen. Allein in den vergangenen fünf Jahren entstanden im Solling 600 Hektar neue Laubmischwälder. Hierfür investierten die Forstämter zwei Millionen Euro.

www.waldgebiet-des-jahres.de


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