Zum Schafauftrieb auf die Streuobstwiese im Schimmerwald

 In Regionale Presseregion Süd

Wald ist der artenreichste Lebensraum

(Bad Harzburg) Wo jahrzehntelang Weltkriegsmunition im Boden schlummerte wächst heute ein gesunder Mischwald und nebenan blüht eine Streuobstwiese. Im Schimmerwald bei Bad Harzburg weidet eine kleine Herde Mutterschafe mit ihren Lämmern. Direkt an der ehemaligen Grenze pflegen sie einen Sommer lang den wertvollen Biotop der Niedersächsischen Landesforsten. Im Herbst ernten hier Schüler vom Waldpädagogikzentrum Harz (WPZ) das Streuobst und stellen eigenen Apfelsaft her. Am Beispiel der Streuobstwiese lernen sie praktischen Insektenschutz und engagieren sich gegen das Artensterben. Denn der jüngste Weltreport zum Artensterben des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) hat Anfang Mai ein düsteres Bild gezeichnet: Etwa eine Millionen Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Forstleute vom Niedersächsischen Forstamt Clausthal steuern dem entgegen.

Von der Biene zum Saft
Künftig soll ein Kleinimker Bienenvölker auf der Streuobstwiese halten, um den Kreislauf von der Blüte der Obstbäume bis zum Saft anschaulich verfolgen zu können. Auch die umliegenden Waldränder werden möglichst naturnah und strukturreich gestaltet. Das bedeutet, dass einzelne Bäume oder Baumgruppen am Waldrand gefällt und Sträucher zurückgeschnitten werden. So wachsen am Waldrand unterschiedlich hohe Bäume und Sträucher, sodass es einen Wechsel von Licht und Schatten gibt. Ein solcher strukturreicher und artenreicher Waldrand kann bedrohten Arten ideale Bedingungen bieten. Außerdem schützt ein solcher abgestufter Waldrand den Wald vor Sturm und er sieht auch einfach schön aus.

„Besonders wichtig für die Artenvielfalt sind interessanterweise auch gerade die Orte, an denen keine Bäume wachsen“, erklärt der Leiter des Forstamtes Clausthal, Ralf Krüger: „Waldlichtungen, Waldwiesen und Wegränder sind besonders artenreich, deshalb lassen wir auch gerne die Seitenstreifen an den Waldwegen frei“. So finden sich hier Schmetterlingsarten wie Kaisermantel oder Mohrenfalter, die kaum innerhalb geschlossener Wälder leben. Weil mehr krautige Pflanzen vorkommen, suchen hier auch Kleinsäuger und Vögel ihre Nahrung. „Eine Win-Win-Situation“, so Ralf Krüger. „Die Waldblumen, sind nicht nur für die Insekten wichtig. Sie erfreuen auch die Menschen im Wald und wir haben Platz, Holz zu lagern. Außerdem trocknen solche Wege schneller, wenn es mal heftig geregnet hat“. Die Wiesen werden nur ein-, maximal zweimal im Jahr gemäht und bilden so wertvollste Blühflächen. Auf manchen Flächen werden auch spezielle, angepassten Blühmischungen gesät.

Unsere Wälder sind voller Leben

Der deutsche Wald beherbergt von allen mitteleuropäischen Ökosystemen die meisten Tier-, Pflanzen- und Pilzarten – in der Summe vermutlich weit über 10.000. Das bestätigt der Indikatorenbericht der Bundesregierung zur „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“. Dem Landschaftsraum Wald und der Forstwirtschaft wurde mit 87 Prozent der beste Wert aller Flächennutzungen bescheinigt. Die jüngsten Auswertungen des Bundesamtes für Naturschutz zum Wald zeigen die besten Werte seit dem Beginn der Erhebungen im Jahr 1990.

Demnach fördert die moderne Waldbewirtschaftung die biologische Vielfalt. Auch in den Forstämtern im Harz sind seltene Arten wie Wildkatze, Schwarzstorch, Feuersalamander oder Fledermaus wieder auf dem Vormarsch und vermehren sich. „Wir freuen uns natürlich, wenn unser Engagement Erfolg zeigt, aber das ist für uns kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen“, erklärt Försterin Ines Mackeldey vom Waldpädagogikzentrum Harz.

„Wir bleiben dran, unseren Wald so zu unterstützen und zu pflegen, dass er sich möglichst naturnah und artenreich entwickeln kann“. Ein vielfältiger und gemischter Wald zeichnet sich nicht nur durch eine hohe biologische Vielfalt im Wald aus, sondern er ist meist auch stabiler und widerstandsfähiger gegenüber Wetterextremen wie Stürmen oder Dürren und weniger anfällig gegenüber Schadinsekten. Umgekehrt reagieren Wälder mit geringer Artenvielfalt stärker auf solche Einflüsse und sind anfälliger.

„Das ist in Zeiten des Klimawandels besonders wichtig, erklärt die Forstfrau den Schülerinnen und Schülern, die für einen mehrtägigen Waldeinsatz in das Haus Ahrendsberg kommen.

Was Forstleute und Waldbesitzer für die Artenvielfalt tun

Zum Beispiel der Erhalt von sogenannten Biotopbäumen. Das sind strukturreiche, alte, zum Teil auch bereits absterbende oder tote Bäume, die besondere Lebensräume und Pflanzen bieten, zum Beispiel Bäume mit Spechthöhlen oder mit Horsten. „Wir kennen diese Bäume ganz genau und sie werden nicht gefällt. In unserem Forstamt stehen unzählige solcher Bäume“, weiß Forstamtsleiter Krüger. Deutschlandweit gibt es derzeit fast 100 Millionen Biotopbäume.

Als stehender toter Baum oder schon am Boden liegend, dick oder dünn, ist Totholz Heimat vieler Pilz- und Insektenarten. Häufig entstehen um die Biotopbäume herum einzelne Waldbereiche mit besonders viel Totholz. „Im Moment haben wir allerdings eine ganz besondere Situation mit dem Borkenkäfer. Wir müssen die durch die Dürre geschwächten Bäume sehr genau im Auge behalten, um die Vermehrung der Borkenkäfer früh zu erkennen. Absterbende Fichten müssen aktuell so früh wie möglich gefällt werden, um eine erneute Massenvermehrung der Borkenkäfer zu vermeiden“, erklärt Krüger.

22. Mai – Internationaler Tag der biologischen Vielfalt

Seit 2001 wird der 22. Mai als Internationaler Tag der biologischen Vielfalt gefeiert. Er erinnert an den 22. Mai 1992, an dem der Text des Übereinkommens über die biologische Vielfalt offiziell angenommen wurde. Artenvielfalt, auch Artendiversität genannt, ist ein Maß für die Vielfalt der biologischen Arten innerhalb eines Lebensraumes oder geographischen Gebietes und somit für die Vielfalt von Flora und Fauna.

Informationen zu Indikatoren für den Naturschutz

Der bundesweite Indikator für „Naturschutz, Artenvielfalt und Landschaftsqualität“ dient der Erfolgskontrolle der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt und der nationalen Strategie für nachhaltige Entwicklung in Deutschland, der Bundesregierung. Der Indikator ist eine Maßzahl, die aus den Bestandsgrößen von 51 ausgewählten repräsentativen Brutvogelarten ermittelt wird. Die aktuellen Bestandsgrößen werden ins Verhältnis zu einem jeweils artspezifischen Zielwert für das Jahr 2015/2030 gesetzt und über die Arten der Teilindikatoren gemittelt. Die Teilindikatoren erlauben Aussagen zum Zustand der Hauptlebensraum- und Landschaftstypen.
Die Veröffentlichung des BfN zur Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie für das (jüngste veröffentlichte) Berichtsjahr 2015 belegt die positive Entwicklung der Biodiversität im Wald.

Von allen Hauptlebensraumformen hat der Wald den besten Wert. Ebenso ist es in der Zeitreihe Wälder der beste jemals erreichte Wert.
https://www.bfn.de/themen/monitoring/indikatoren/naturschutz.html

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Alle Fotos: Rudolph / NLF

Hintergrund Streuobstwiese

• Lage im Schimmerwald in der Revierförsterei Radauberg
• Betreuung WPZ Harz – Haus Ahrendsberg
• Größe: 1 Hektar
• Beweidung mit Schafen seit 2014
• Baum- & Straucharten: (verschied. Sorten) Kirsche, Pflaume, Apfel, Birnenarten (z.B. Champagner Bratbirne), Quitten, Holunder, Schlehe, Mehlbeere
• 2014 Pflanzung neuer Obstbäume
• 2017 Aufbau des Insektenhotels
• 2018 Erweiterung der Nistkästen
• Plan für 2019/2020: Imker gesucht
• Saftproduktion aus dem Obst mit Schülern des WPZs

Michael Rudolph
Niedersächsische Landesforsten
Regionaler Pressesprecher Niedersachsen-Süd
Forstamt Clausthal | L’ Aigler Platz 1 |
38678 Clausthal-Zellerfeld
05323-9361-28/-0 | 0171-9780410
Michael.Rudolph@nfa-clausthl.niedersachsen.de

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