„Buchen-Baum-Wolle“ -– der Stoff, aus dem die neuen Kleider sind

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Aus südniedersächsischen Buchen wird Bekleidung, die der Haut schmeichelt

(Dassel / Stadtoldendorf) Ihr gesundes Holz ist hart und rötlich-weiß, als Kaminholz ist sie heiß begehrt und als Waldbaum wächst sie fast überall in Mitteleuropa: Die Rotbuche ist Deutschlands häufigster Laubbaum und immer mehr Menschen tragen Buchenholz-Fasern hautnah am Körper. Ob Unterwäsche, T-shirts oder Bettwäsche – nicht selten steckt darin der Stoff, aus dem die Bäume sind: Zellulose. Erstmalig liefern jetzt mehrere tausend Bäume aus dem Landeswald den Rohstoff für solche „Buchen-Baum-Wolle“. Zwei lange Güterzüge nur mit Buchenstämmen beladen bringen die Rohware von Stadtoldendorf in ein Werk nach Lenzing in Österreich.

Die gleichnamige Firma kauft bei den Niedersächsischen Landesforsten rund 3.000 Kubikmeter Buchenholz aus den Sollingwäldern und dem Forstamt Münden. Lenzing nützt das südniedersächsische Holz zu 100 Prozent: Jene Anteile, die nicht für die Herstellung von Faserzellstoff und Fasern verwendet wird, bilden die Grundlage für wertvolle Bioenergie und biobasierte Produkte wie Essigsäure. „Das mittels Bioraffineriekonzept aufbereitete Buchenholz ist bestens geeignet, um hautnahe Textilien herzustellen“, verspricht Dr. Christof Oldenburg. Über die neuen Verwendungsmöglichkeiten freut sich der Forstwissenschaftler. „Buchen-Industrieholz allein als Brennholz zu nutzen, wird dem hohen Wert dieses wunderbaren Rohstoffes nicht gerecht. Die Landesforsten geben bei der Vermarktung der stofflichen Verwertung den Vorzug vor der thermischen Nutzung“, ergänzt Dr. Oldenburg, der für die Landesforsten den Holzverkauf in der Region Süd verantwortet.

Wertschöpfung vom Baum zum Kleidungsstück in mehreren Schritten

Damit aus Buchenbäumen Textilien, wie zum Beispiel Schlafbekleidung oder auch Handtücher, entstehen können, braucht es mehrere Schritte. Der erste beginnt in den Wäldern Südniedersachsens, wo während des Winters das Buchenholz gefällt und auf Einheitslängen gesägt worden ist. Die Forstämter Neuhaus, Dassel und Münden stapeln die Stämme abfuhrgerecht entlang der Waldwege. Von dort transportiert ein regionales Holzlogistik-Unternehmen die vier Meter langen Buchen-Stücke per Holz-LKW zum Bahnhof nach Stadtoldendorf.

Der dritte Schritt ist die Bahnverladung und die umweltfreundliche Reise der Buchenstämme auf einem Ganzholz-Güterzug von Niedersachsen nach Österreich. Mehrere Millionen solcher Baumlängen kommen ausschließlich per Bahn direkt ins Werk zur Verarbeitung. Das Werk hat sich auf die Produktion von hochwertigem Zellstoff auf Basis von Buchen-Industrieholz spezialisiert.

Buchenholz ist dank eines relativ hohen Zellulosegehaltes besonders gut als Rohstoff für die Faserherstellung geeignet. Dabei werden zunächst die aus entrindetem Industrieholz erzeugten Hackschnitzel in einem Zellstoffprozess gekocht, um die Zellulose herauszulösen. Anschließend wird die Zellulose in einem Lösungsmittel gelöst und durch Spinndüsen gepresst um Zellulosefasern herzustellen. Etwas vereinfacht gesagt, lässt sich somit aus Holz so etwas Ähnliches wie Baumwolle herstellen, jedoch mit einer deutlich besseren Ökobilanz. In den 1960er Jahren entwickelte Lenzing die erste textile Spezialfaser aus Buchenholz, die heute unter der Marke TENCEL™ Modal bekannt sind.

Diese Spezialfasern sind das Produkt eines ökologisch verantwortungsbewussten und ressourcensparenden Herstellungsverfahrens, das im Sinne der Kreislaufwirtschaft mit hohen Rückgewinnungsraten überzeugt. Das heißt, dass die eingesetzten Produktionsmittel zu einem sehr hohen Prozentsatz recycelt werden. Am Ende des Lebenszyklus sind die Fasern aus Lenzing biologisch abbaubar. TÜV Austria Zertifikate belegen diese biologische Abbaubarkeit von Lenzing Fasern in Wasser, Erde und Kompost. So wird Natur wieder zu Natur.

Durchforstungsholz stammt aus Waldpflege – Buchenwälder sollen gesund und klimastabil bewirtschaftet werden

Welche Bäume im Wald dafür geeignet sind, entscheiden Forstleute wie Svenja Schmidt aus Mollenfelde bei Hann.Münden oder Jörg Becker aus Hilwartshausen bei Dassel. Beide leiten Reviere mit reichlich Buchenwäldern. Sie markieren Stämme mit Sprühfarbe, die anschließend bei einer Durchforstung gefällt werden. Wachsen Bäume zu dicht auf und nehmen sie sich gegenseitig Licht, Wasser und Nährstoffe weg, dünnen die Forstleute den Baumbestand aus.

„Beim Wachsen fördern wir in erster Linie gesunde Bäume ohne Trockenschäden, Pilz- oder Insektenbefall. Unser Ziel ist es, die naturnahen Buchenwälder so zu bewirtschaften, dass sie ausladende Kronen, tiefreichende Wurzeln und einen gesunden Stamm entwickeln können. Die Waldpflege macht sie standhafter bei Trockenphasen mit Wassermangel oder Stürmen“, beschreibt Jörg Becker, warum Waldbewirtschaftung gerade im Zeichen des Klimawandels so wichtig ist.

Buchenholz wird vielfältig in der Region verarbeitet

Das bei der Durchforstung angefallene Holz wird vielfältig in der Region verwendet. Stärkere Stämme gingen in ein Sägewerk nach Hedemünden zur Möbelverarbeitung. Das weniger wertvolle Kronenholz oder schadhafte Stämme werde zum Heizen der Holzöfen in Hilwartshausen verkauft, weiß Förster Becker. Und das qualitativ bessere Buchen-Industrieholz sei für Lenzing ausgewählt, ergänzt Dr. Christof Oldenburg.

„Wenn wir unseren nachwachsenden Rohstoff so verwerten können, dass daraus langlebige Produkte mit guter Ökobilanz wie zum Beispiel Zellulosefasern hergestellt werden, ist das ein Beitrag für den Klimaschutz. Vor dem Verbrennen von Holz zur energetischen Nutzung hat die stoffliche Verwertung Vorrang. Trotzdem wird noch ausreichend Brennholz zum Verkauf kommen“, unterstreicht der Holzverkäufer der Landesforsten die Zusammenarbeit mit dem neuen Kunden aus Österreich.

Försterin Svenja Schmidt fragt sich derweil gespannt, was aus ihren Mündener-Buchen vom Brakenberg in Österreich gesponnen wird. „Die Vorstellung, dass ich als Försterin bei meiner Arbeit im Wald eine Textilfaser aus einheimischen Buchen auf der Haut tragen könnte, finde ich gut. Auch unsere Outdoor-Bekleidung wäre moderner und dank der Zellulosefasern aus Lenzing auch umweltfreundlicher als erdölbasierte Kunststofffasern, die wir täglich durch den Wald tragen“, meint die Revierleiterin aus dem Forstamt Münden mit Blick auf die nächste Generation Funktionskleidung im Forst.

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