Eine neue Wildnis

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Niedersächsische Landesforsten entwickeln 1.000 Hektar im Solling zu einem „Urwald von morgen“

(Dassel/Braunschweig) Die Niedersächsischen Landesforsten entwickeln zukünftig ein etwa 10 Quadratkilometer großes Wildnisgebiet im Solling. Auf der 1020 Hektar großen Fläche nordöstlich von Uslar bleibt der Wald zukünftig der natürlichen Entwicklung überlassen. Die Landesforsten setzen damit den „Niedersächsischen Weg“ um, einen Vertrag zahlreicher Akteure und der Landesregierung aus dem Herbst 2020, die den Schutz der Artenvielfalt im Wald und in der Landwirtschaft stärken soll. Eine entsprechende Vereinbarung zwischen den Landesforsten und dem Landwirtschafts-Ministerium, die den Zeitplan und den finanziellen Ausgleich regelt, ist nunmehr unterzeichnet.

„Mit der Ausweisung erweitern wir unser Netz an ungenutzten Wäldern, das landesweit bereits 10% unseres Waldes umfasst, auf insgesamt 34.000 Hektar Waldfläche. Wir leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt und kommen dem Wunsch nach mehr unberührter Natur nach. Manche seltenen Arten sind auf Lebensräume und sogenannte Zerfallsphasen angewiesen, die sich im bewirtschafteten Teil unseres Waldes naturgemäß seltener finden“, erklärt Annekatrin Petereit-Bitter den Nutzen der „Urwälder von morgen“. Petereit-Bitter, die die konzeptionelle Entwicklung des Gebiets seitens der Betriebsleitung der NLF mit begleitet, weist darauf hin, dass mit der Ausweisung die strengen Kriterien des Bundesamtes für Naturschutz für sogenannte Wildnisgebiete erfüllt werden:

„Wer meint, jetzt hätten die Försterinnen und Förster mit dem Gebiet weniger zu tun, der irrt. Zunächst werden wir das Gebiet und die darin vorkommenden Arten und Biotope kartieren. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse entwickeln wir einen Managementplan. Hierin legen wir auch fest, welche Maßnahmen in dem Gebiet noch erforderlich sind, bis wir es vollständig der natürlichen Entwicklung überlassen. Außerdem müssen wir Konzepte beispielsweise für den Bereich der Waldwege und deren Nutzung erarbeiten, um den in den angrenzenden Waldflächen weiterlaufenden Wirtschaftsbetrieb einerseits und die natürliche Entwicklung im Wildnisgebiet andererseits besser zu koordinieren zu können. Schließlich wollen wir die zukünftige naturdynamische Entwicklung beobachten und wissenschaftlich untersuchen, um Schlussfolgerungen für eine naturnahe Bewirtschaftung aller anderen Flächen gewinnen zu können“, so Petereit-Bitter weiter.

Für Waldbesucherinnen und -besucher ändert sich auf den ersten Blick kaum etwas und bis die ersten Spuren des fehlenden menschlichen Einflusses bemerkbar sind, werden Jahrzehnte vergehen. Dr. Johannes Wobst, stellvertretender Leiter des zuständigen Forstamtes Dassel, berichtet jedoch, dass bereits seit 2020 auf die Ernte von Laubbäumen verzichtet wird:

„Unsere Maßnahmen konzentrieren sich jetzt darauf, den ökologischen Wert des Gebietes weiter zu erhöhen. Noch vorhandene größere Fichtenbestände sollen schonend genutzt und dort, wo das natürliche Potenzial nicht ausreicht, mit der natürlicherweise vorkommenden Hauptbaumart Buche angereichert werden. Perspektivisch werden wir auch das Wegenetz anpassen müssen, um möglichst große ungestörte Bereiche einrichten zu können, aber gleichzeitig das Naturerlebnis im Wildnisgebiet noch möglich zu machen.“ erläutert der Forstmann.

Die Einbettung des Wildnisgebietes in den nach den Grundsätzen des LÖWE-Programms (Langfristige ökologische Waldentwicklung) bewirtschafteten Landeswald bewertet Petereit-Bitter positiv: „Über kleinere Habitatbaumflächen und den Schutz einzelner Habitatbäume ist das Wildnisgebiet gut mit anderen Biotopen verbunden. Das ermöglicht Wanderbewegungen und sichert den Erhalt der Arten zusätzlich.“

„Gleichzeitig ergeben sich hieraus aber auch Themen, die wir in unserem Konzept berücksichtigen müssen, denn Tiere halten sich nicht an Grenzen“, ergänzt Dr. Wobst. Deshalb mache man sich Gedanken darüber, wie zukünftig z. B. mit der Vermehrung von Forstschädlingen im Gebiet oder auch der Jagd umzugehen ist. „Wir versuchen uns so weit wie es geht herauszuhalten und unsere Eingriffe auf das absolute Minimum zu beschränken. Ziel ist es, natürliche Prozesse so ungestört wie möglich ablaufen zu lassen,“ fasst Petereit-Bitter zusammen.

Hintergrund – Das Wildnisgebiet Solling

Das Gebiet erstreckt sich nordöstlich von Uslar zwischen dem Forsthaus Grimmerfeld im Osten und Donnershagen im Westen. Die höchste Erhebung ist der Schönenberg mit 457m ü. NN.

Es liegt vollständig im Fauna-Flora-Habitat-Gebiet (FFH) „Wälder im östlichen Solling“, das auch als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist. Im Gebiet herrschen ausgedehnte Buchenwälder vor, die auf Teilflächen von Eichen- oder Fichtenwäldern unterbrochen sind. Als besondere Vogelarten kommen hier Spechte wie Schwarzspecht, Grauspecht und Mittelspecht vor, sowie der auch außerhalb weit verbreitete Schwarzstorch. Arten wie Wildkatze und Luchs, die im gesamten Solling vorkommen, sind ebenfalls im Gebiet heimisch.

Mit einer Fläche von 1020 Hektar gehört das Gebiet neben dem Nationalpark Harz und dem Hohenstein im Forstamt Oldendorf zu den größten zusammenhängenden Waldflächen, die die Landesforsten der natürlichen Entwicklung überlassen. In Summe sind es 34.000 Hektar und damit mehr als 10 % der Landeswaldfläche, die die Landesforsten als „Urwälder von morgen“ ausgewiesen haben. Die ersten Naturwälder, die bereits in den 1970er Jahren ausgewiesen worden sind und in denen seitdem die forstliche Nutzung ruht, sind ebenfalls Teil dieses Netzes an Schutzgebieten.

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