Wer hat die Schokostäbchen ins Kaffeepulver getan?

 In Forstamt Ahlhorn, Regionale Presseregion West

Spurensuche nach dem Eremiten im Herrenholz

(Goldenstedt/LK Vechta/Ahlhorn) Er ist da. Aber wo? Und wie viele von ihm? Die Rede ist vom Eremiten, einem seltenen Waldkäfer. Wo er ist, ist der Wald alt und schon lange da. Und damit besonders wertvoll als Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. In einem Gemeinschaftsprojekt erprobt der Landkreis Vechta zusammen mit dem Forstamt Ahlhorn der Niedersächsischen Landesforsten und gefördert durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes, kurz ELER, im Herrenholz eine neue Nachweismethode für den Käfer.

Schutzgebiet für den Eremiten

„Die alten Waldstandorte im Herrenholz sind seit 2004 als Fauna-Flora-Habitat-Gebiete (FFH) ausgewiesen und gehören damit zur europaweiten Schutzgebietskulisse Natura 2000. Seit 2017 sind sie außerdem Naturschutzgebiet“, erklärt Eileen Ahlbrand, zuständig für den Naturschutz im Landkreis Vechta. Regelmäßig prüfen die Naturschutzfachleute, ob die Qualität dieser Schutzgebiete erhalten bleibt. Als Indikatoren untersuchen sie dafür die Vorkommen der wertgebenden Tier- und Pflanzenarten. Der Eremit ist eine Käferart, welche vor allem in alten Wäldern lebt. Weil sie sich sehr langsam verbreitet, ist sie darauf angewiesen, dass ihr Ökosystem stabil bleibt. Wo also immer Wald war und Eichen wachsen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, den Eremit zu finden.

Spezialisierte Baumkletterer übernehmen Suche

Jan Feldmann, European Tree Worker von der Baumkletterei Feldmann, erklimmt flink und gut gesichert eine dicke, alte Huteeiche. Auf etwa zehn Meter Höhe macht er Halt. Hier ist eine Baumhöhle. Zunächst schaut er vorsichtig mit einem Endoskop in das Loch im Holz. „Zu dieser Jahreszeit sind die Baumhöhlen gern mit brütenden Vögeln besetzt, zum Beispiel von Meisen oder Käuzen. Auch Fledermäuse wählen Baumhöhlen gern als Sommerquartier. Die wollen wir nicht stören“, erklärt der Baumkletterer.

Er hat Glück und die Baumhöhle ist von Flattertieren unbewohnt. Unten in der Baumhöhle haben sich bröselige Holzreste und Laubstreu gesammelt – Mulm genannt. Hier lebt der Eremit viele Jahre als Larve, bevor er sich verpuppt und in den Monaten Juli und August wenige Tage als Käfer existiert. Jan Feldmann bringt einen kleinen Akkustaubsauger in Position, den er an einem extra Seil nach oben gezogen hat. Vorsichtig saugt er damit die obere Mulmschicht ab.

Schokostäbchen im Kaffeepulver oder Kotpillen im Mulm

Unten abgeliefert breiten Jan Feldmann, der zweite Kletterer und Fachagrarwirt für Baumpflege Joshua Feldmann und Eileen Ahlbrand zusammen mit Jasper Brüning, Leiter der Försterei Barnstorf, zu der das Herrenholz gehört, den Mulm auf einem weißen Laken aus. „Wir suchen hier nicht die Larven. Die leben in den untersten Mulmschichten, die fest verbacken sind. In den oberen Schichten finden wir aber mit etwas Glück Kotpillen der Larven oder Elterntiere, welche sich hier gepaart und Eier gelegt haben“, beschreibt Brüning.

Tatsächlich finden sich kleine, schokoladenfarbene Stäbchen in einer Masse die stark an Kaffeepulver erinnert. „Hier haben wir einen eindeutigen Nachweis, dass der Eremit hier lebt. Das ist super, denn damit haben wir im Herrenholz jetzt zwei Waldbereiche, in denen der Käfer vorkommt. Das unterstreicht die Bedeutung dieses Schutzgebietes und macht es sogar noch wertvoller für den Naturschutz“, freut sich Ahlbrand.

Mehr Eremitenvorkommen, als bisher gedacht

Bisher kannten die Experten nur ein Vorkommen des Eremiten im Wald bei Goldenstedt. Erfahrene Kartierer des Niedersächsischen Landesamtes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) fanden dieses bei einer flächigen Suche. In dem von ELER geförderten Projekt erschnüffelten im letzten Jahr Spürhunde die Duftstoffe des Eremiten an mehreren Eichen und Buchen im Herrenholz. Die Baumkletterer erbrachten nun den Beweis, dass die Hundenasen richtiglagen: Es gibt mehr Eremiten im Herrenholz, als bisher angenommen.

Spannend ist es nun zu sehen, ob die beiden Eremitenvorkommen miteinander in Verbindung stehen. Dafür braucht es Brückenstrukturen. „Wir haben einige Alteichenhabitate zwischen den beiden Waldflächen ausgemacht, welche vermutlich von Eremiten bewohnt sind. Im Spätsommer, wenn der Brutbetrieb abgeschlossen ist, untersuchen wir diese Baumhöhlen noch einmal“, erläutert Ahlbrand.

Nutzen und Schützen auf gleicher Fläche schließen sich nicht aus

Jasper Brüning ist gespannt auf die Ergebnisse: „Sollte die Suche mehr Eremitenvorkommen nachweisen, als bisher bekannt, steigt die Bedeutung des Herrenholzes für den Naturschutz. Wir sehen uns in unserer Überzeugung bestärkt, dass der Wald vielfältige Funktionen auf der gleichen Fläche gewährleisten kann.“

 

Hintergrund

Das Herrenholz ist ein Forstort in der Försterei Barnstorf im Niedersächsischen Forstamt Ahlhorn. Es hat eine Größe von 700 Hektar (davon ca. 350 Hektar Landeswaldfläche) und ist auf 280 Hektar als FFH-Gebiet ausgewiesen. Seine naturnahen Waldstrukturen, vor allem aber der Urwaldkern, der seit über 60 Jahren nicht mehr bewirtschaftet wird und seit 1972 Naturwald ist, dienen dem Natur- und Artenschutz in besonderer Weise.

Die Niedersächsischen Landesforsten arbeiten in Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Vechta und dem NLWKN die Bewirtschaftungspläne aus, nach welchen das FFH-Gebiet gepflegt und bewirtschaftet wird. Ziel ist es im Herrenholz den Erhaltungszustand des Eremitenvorkommens von zur Zeit „C“, gleich schlecht, auf „B“, gleich gut, zu verbessern.

Der Eremit ist eine Käferart, die auf alte Waldstrukturen angewiesen ist. Die längste Zeit, drei bis vier Jahre, lebt der Käfer als Larve im Mulm. Zum Herbst verpuppt er sich und schlüpft im darauffolgenden Frühjahr als Käfer. Dann beginnt die Paarungszeit. Die Weibchen legen nach der Befruchtung ihre Eier in den Mulm alter Waldbäume. Während sie bis zu drei Monate leben, sterben die Männchen wenige Wochen nach dem Fortpflanzungsakt.

Weil der Käfer sehr immobil ist, braucht er dauerhaft gleichbleibende Lebensraumstrukturen. Damit ist er ein Zeiger für alte Waldstandorte. Als besonders geschützte, weil seltene Anhang-II-Art der FFH-Richtlinie dient seine Förderung zweifach dem Natur- und Artenschutz, weil auch die von ihm bewohnten Wälder unter Schutz gestellt werden.

Die Eremitensuche mit Spürhunden ist ein Teil des vom NLWKN geförderten Projektes im Rahmen des Programms „Erhalt und Entwicklung von Lebensräumen und Arten“, kurz EELA. Neben dem Herrenholz ist auch der Burgwald Dinklage Teil des Projektes. Es erfolgt jeweils eine enge Abstimmung mit den Eigentümern und örtlichen Akteuren.

Bilder (Landesforsten/Schmidt) zum kostenlosen Download finden Sie hier.

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