Wege in die Wildnis – Das neue Wegekonzept für das Wildnisgebiet Solling

 In Wildnisgebiet Solling

Wie entsteht eigentlich Wildnis? Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach: Der Mensch zieht sich zurück und überlässt den Wald sich selbst. Doch damit sich Natur tatsächlich wieder möglichst frei entwickeln kann, braucht es zunächst einige bewusste Entscheidungen. Eine davon betrifft die Fahrwege.

Im rund 1.000 Hektar großen Wildnisgebiet Solling soll in den kommenden Jahrzehnten ein Wald entstehen, in dem natürliche Prozesse den Takt vorgeben. Bäume dürfen alt werden, absterben und als Totholz im Wald verbleiben. Bäche können sich natürlicher entwickeln und Wasser länger im Gebiet halten. Tiere finden größere Bereiche, in denen menschliche Störungen eine immer geringere Rolle spielen.

Mit dem nun fertiggestellten Wegekonzept ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung und für die weitere Entwicklung des Wildnisgebiets erreicht. Es schafft die Grundlage dafür, dass immer größere, unzerschnittene Lebensräume entstehen und der Fahrzeugverkehr im Gebiet deutlich reduziert wird. Gleichzeitig zeigt es, wie Naturschutz und die Interessen der Region gemeinsam gedacht werden können.

Gemeinsam entwickelt statt vorgegeben

Das Wegekonzept ist nicht hinter verschlossenen Türen entstanden. Von Beginn an war es Teil eines offenen Beteiligungsprozesses, der die Entwicklung des gesamten Wildnisgebiets prägt. Vertreterinnen und Vertreter von Kommunen, Landkreisen, Feuerwehren und Rettungsdiensten, Naturschutzverbänden, Tourismus, Jägerschaft und weitere Interessierte wurden frühzeitig eingebunden und konnten ihre Anregungen in die Planung einbringen. Dieser partizipative Ansatz bildet die Grundlage für die Entwicklung des Wildnisgebiets insgesamt.

Auf Grundlage eines ersten Entwurfs entwickelte sich ein intensiver Austausch. In Stellungnahmen, Ortsterminen und zahlreichen bilateralen Gesprächen wurden unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt. Viele Anregungen flossen direkt in die weitere Bearbeitung ein. Das jetzt vorliegende Wegekonzept ist deshalb nicht nur das Ergebnis fachlicher Planung, sondern das eines gemeinsamen Entwicklungsprozesses.

Warum Wege für die Wildnis eine so große Rolle spielen

Das Wildnisgebiet soll sich langfristig möglichst frei entwickeln können. Dafür braucht die Natur zusammenhängende, möglichst störungsarme Bereiche. Die Aufgabe eines Großteils der heutigen Fahrwege ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.

Denn Fahrwege sind nicht nur befestigte Flächen. Sie zerschneiden Lebensräume, bringen Fahrzeuge und Maschinen auch in abgelegene Waldbereiche und müssen dauerhaft unterhalten werden. Zugleich verändern sie unmittelbar ihre Umgebung: An offenen Wegflächen entstehen andere Licht-, Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnisse als im geschlossenen Wald. Gerade für wenig mobile, an feuchte und geschlossene Waldlebensräume gebundene Arten können Wege deshalb eine Barriere darstellen und den Austausch zwischen Lebensräumen erschweren.

Wo die Unterhaltung der Wege endet, können auch natürliche Prozesse ungestörter ablaufen. Bäume müssen dann nicht allein aus Gründen der Verkehrssicherung gefällt, Entwässerungsgräben nicht zum Schutz der Wege freigehalten und Durchlässe nicht dauerhaft erhalten werden. Weniger Fahrzeugverkehr und Maschineneinsatz bedeuten zugleich weniger Störungen in bislang erschlossenen Bereichen. So kann sich der Wald zunehmend nach seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln. Von größeren störungsarmen Waldbereichen können beispielsweise der Schwarzstorch profitieren, der für seine Brut ruhige, alte Wälder benötigt, oder die Wildkatze, die strukturreiche Wälder und gut vernetzte Lebensräume nutzt. Von der natürlichen Waldentwicklung profitieren darüber hinaus viele weitere Arten: Alte und absterbende Bäume, Baumhöhlen und Totholz schaffen Lebensräume für Fledermäuse, Spechte, Insekten, Pilze und zahlreiche weitere Organismen.

Nach Umsetzung des Konzepts werden nur noch zwei große Bereiche von jeweils rund 500 Hektar durch einen befahrbaren Weg voneinander getrennt. Diese Bereiche können sich immer ungestörter entwickeln und werden zukünftig nur noch durch gezielt geplante Wander- und Radwege für Besucher erschlossen sein.

Der Wald holt sich die Wege zurück

Heute durchziehen rund 17,6 Kilometer Fahrwege das Gebiet. Nach Abschluss der notwendigen Vorbereitungsmaßnahmen sollen davon rund 16,7 Kilometer als Fahrwege aufgegeben werden. Lediglich der rund 950 Meter lange Abschnitt der Uslarer Heerstraße bleibt als Sicherungsweg dauerhaft befahrbar. Gleichzeitig entstehen außerhalb des Wildnisgebiets rund 3,7 Kilometer Ersatzwege. Sie stellen sicher, dass die angrenzenden Wirtschaftswälder auch künftig gut erreichbar bleiben.

Diese Veränderung geschieht allerdings nicht von heute auf morgen. Zunächst werden noch notwendige Erstinstandsetzungsmaßnahmen im Wildnisgebiet umgesetzt. Dazu gehört insbesondere der Auszug nicht gebietsheimischer Baumarten wie der Fichte. Erst wenn diese Arbeiten beendet sind und die neuen Umfahrungen außerhalb des Wildnisgebiets zur Verfügung stehen, beginnt die schrittweise Umsetzung des Wegekonzepts.

Dann setzt ein langsamer Prozess ein. Die Wege werden nicht mit Baggern entfernt oder für Besucherinnen und Besucher abgesperrt. Vielmehr endet ihre Funktion als Fahrweg und damit auch ihre regelmäßige Unterhaltung. Kräuter und Gräser wachsen vom Rand auf die Wegedecke, später folgen Sträucher und junge Bäume. Laub und Totholz bleiben liegen. Je nachdem, wie häufig ein ehemaliger Weg noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad genutzt wird, kann dieser Prozess unterschiedlich schnell verlaufen. Nach und nach holt sich der Wald die Wege zurück.

Lediglich am Grasborner Bruch ist ein gezielter Rückbau vorgesehen, um den natürlichen Wasserhaushalt des angrenzenden Bruchwaldes wiederherzustellen.

Augenmerk auf die Sicherheit

Ein wichtiges Thema bei der Entwicklung des Wegekonzepts war die Frage, wie Rettungseinsätze künftig organisiert werden. Denn wenn Fahrwege aufgegeben werden, können dort auch keine Einsatzfahrzeuge mehr fahren. Gemeinsam mit Feuerwehr und Rettungsdiensten wurde deshalb intensiv nach Lösungen gesucht. Als Ergebnis bleibt die Uslarer Heerstraße in zentraler Lage als befahrbarer Sicherungsweg erhalten. Ergänzt wird sie durch die neuen Umfahrungen außerhalb des Wildnisgebiets.

Auch bei der künftigen Besucherlenkung wird die Erreichbarkeit im Notfall berücksichtigt: Geplante Wanderrouten sollen sich möglichst an den Bereichen orientieren, die über den Sicherungsweg und die äußeren Umfahrungen erreichbar bleiben.

Auch der Umgang mit Waldbränden war Bestandteil der Abstimmungen. In den überwiegend von Laubwald geprägten Bereichen des Sollings ist das Waldbrandrisiko vergleichsweise gering. Gemeinsam mit der Feuerwehr wurde deshalb ein angepasstes Vorgehen für das Wildnisgebiet entwickelt: Ein möglicher Brand soll grundsätzlich von außerhalb des Gebiets bekämpft werden. Dafür stehen künftig die Umfahrungswege rund um das Wildnisgebiet zur Verfügung. Aufgrund der abgeschiedenen Lage und der großen Entfernung zu den umliegenden Ortschaften lässt sich so der Schutz der Umgebung mit dem Ziel verbinden, natürliche Prozesse innerhalb des Wildnisgebiets möglichst wenig zu beeinflussen.

Wildnis erleben

Mit dem Wegekonzept wird das Wildnisgebiet nicht für Menschen geschlossen. Im Gegenteil: Ziel ist es, Wildnis künftig bewusster erlebbar zu machen.

Die Aufgabe der Fahrwege bedeutet zunächst vor allem das Ende ihrer regelmäßigen Unterhaltung. Viele Wege werden auch weiterhin zu Fuß oder mit dem Fahrrad nutzbar sein – solange die Natur sie nicht nach und nach zurückerobert. Gleichzeitig entsteht derzeit ein Besucherlenkungskonzept, das gemeinsam mit den Akteuren der Region entwickelt wird. Es soll attraktive Wander- und Fahrradrouten schaffen, die das Wildnisgebiet und seine Besonderheiten erlebbar machen, ohne die Entwicklung der Wildnis zu beeinträchtigen.

Da das Wildnisgebiet vergleichsweise weit von den umliegenden Ortschaften entfernt liegt und bisher nur ein geringes Besucheraufkommen aufweist, besteht die Chance, Naturschutz und Naturerlebnis miteinander zu verbinden. Neue Rundwege entlang des Wildnisgebiets und gezielte Informationen sollen künftig dazu beitragen, dass Besucherinnen und Besucher die Entwicklung der Wildnis nachvollziehen und erleben können.

Das Wegekonzept ist damit weit mehr als ein Plan für einzelne Waldwege. Es schafft Raum für einen Wald, der sich zunehmend nach seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln darf. Während sich die Natur nach und nach viele der heutigen Fahrwege zurückerobert, soll Wildnis für die Menschen der Region weiterhin erreichbar und erlebbar bleiben. So entsteht im Solling Schritt für Schritt mehr Raum für Natur – gemeinsam mit den Menschen, die diese Entwicklung begleiten.

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