Zwei Nasen tanken Wald

 In Forstamt Ahlhorn, Regionale Presseregion West

Spürhunde erschnüffeln seltene Käferart im Herrenholz

(Herrenholz/Landkreis Vechta) Ip und Milo sind mit ihren beiden Hundeführerinnen Rena Siegerist und Beate Balbuchta im Herrenholz der Niedersächsischen Landesforsten unterwegs. Sie sollen mittels ihres feinen Geruchssinns herausfinden, ob und wo es den Eremiten, eine seltene Käferart, im Wald gibt. Der Auftrag stammt vom Landkreis Vechta und wird von Fachleuten der Niedersächsischen Landesforsten begleitet und vom Niedersächsischen Landesamtes für Wasser-, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) finanziell gefördert. Mit den gewonnenen Erkenntnissen wollen die Wald- und Naturschützer*innen die Entwicklung der Fauna-Flora-Habitat gebiete (FFH-Gebiet) voranbringen.

Training

Ip ist an der Reihe. Rena Siegerist legt ihm rituell Geschirr und Leine um. Der Malinois-Dobermann-Mix geht mit seiner Hundeführerin ein Stück den Waldweg hoch. Seifenblasen fliegen durch die Luft; Siegerist prüft die Windrichtung. Dann präsentiert sie Ip die sogenannte Anriechprobe. Heute ist das Team auf der Suche nach Eremitenlarven.

220 Millionen Riechzellen

„Hunde verfügen über 220 Millionen Riechzellen in ihrer Nase. Sie können lernen, beinahe alles zu erschnüffeln. Zum Einsatz kommen unsere Hunde vor allem als Pathogen-Spürhunde. Sie können am Geruch zahlreiche Holzschadpilze erkennen, lange, bevor sie für das menschliche Auge anhand eines Pilzes oder einer Holzfäule sichtbar werden“, erklärt Rena Siegerist, selbstständige Fachagrarwirtin für Baumpflege und -sanierung.

Sucherfolg

Konzentriert nimmt Ip die Witterung auf. Mit hoher Nase läuft er zwischen den Bäumen durch. Gelegentlich bleibt er stehen und schnüffelt intensiv am Boden. Nach einer Weile weiteren Suchens setzt der Spürhund sich plötzlich hin. Rena Siegerist lobt Ip ausgiebig und füttert ihn mit einer Leckerei. „Wenn Ip den Geruch der Probe in dem von uns definierten Suchraum gefunden hat, ist dies das Zeichen“, sagt Siegerist. Und tatsächlich: In der dicken Eiche befindet sich etwas über Kopfhöhe ein Loch im Stamm. In solchen Baumhöhlen, die durch Feuchtigkeit langsam vor sich hin modern, fühlt sich der Eremit wohl. Hier legt er seine Eier ab und hier entwickeln sich die Larven.

Kartierung

Insgesamt 17 Verdachtsbäume untersuchen Rena Siegerist und Beate Balbuchta mit ihren Spürhunden dieses Mal im nördlichen Herrenholz. In der Region sind sie im Juni und Juli jeweils drei Tage am Stück unterwegs, um in weiteren FFH-Waldgebieten nach Eremiten zu suchen. Dabei wechseln sie sich ab, um ihre Hunde nicht zu überfordern. „Die Ergebnisse der Suche dokumentieren wir schriftlich. Funde messen wir per GPS ein und markieren die Bäume auf einer Karte. Außerdem beurteilen wir die Wahrscheinlichkeit von Nachweisen im Betrachtungsraum“, erläutert Beate Balbuchta, selbstständige Landschaftsarchitektin und öffentlich bestellte Sachverständige für Baumpflege und Verkehrssicherheit von Bäumen.

Baumpflege

„Die Ergebnisse der Suche können wir gut gebrauchen. Wenn wir die Wirtsbäume des Eremiten kennen, können wir diese gesondert pflegen. Oft handelt es sich dabei um sehr alte Eichen, denen wir Platz und Licht zum Beispiel durch die Entnahme umstehender Bäume geben. Außerdem können wir Korridore im Wald gestalten. Die Käfer sind sehr ortsgebunden, benötigen aber immer sehr alte Bäume zum Überleben. Wir können ihnen dann einen Wechsel ermöglichen, wenn die bisherige Heimstatt altersbedingt zerfällt“, gibt Linea Kalinowski, Försterin für Waldnaturschutz beim Niedersächsischen Forstamt Ahlhorn, einen Überblick.

Bestandssicherung

Hendrik Scheele, zuständig für die Natura-2000-Gebiete im Landkreis Vechta, ist Ansprechpartner für das Projekt: „Vom NLWKN liegen uns Kartierungsdaten über das Eremitenvorkommen im Herrenholz vor. Zum einen wollen wir diese geruchliche Nachweismethode einmal testen, zum anderen erhalten wir Informationen über das Verbreitungsgebiet der Käfer. Ein wesentliches Ziel sind Erkenntnisse über mögliche weitere Brutbäume zur Sicherung des Eremitenbestands. Darauf aufbauend ist es vorgesehen, gezielte Pflegemaßnahmen zum langfristigen Erhalt dieser Bäume durchzuführen und in der Umgebung geeignete künftige Habitatbäume für die Art zu sichern.“

Im Juli geht es für Ip und Milo unter anderem im südlichen Herrenholz weiter. Für die Hunde ist die Arbeit eine gute Auslastung, für ihre Betreuerinnen eine willkommene Variante ihres Arbeitsalltags. Und der Wald kann durch die zuverlässigen Aussagen der Hunde noch besser gepflegt und geschützt werden.

 

Hintergrund

Das Herrenholz ist ein Forstort in der Försterei Barnstorf im Niedersächsischen Forstamt Ahlhorn. Es hat eine Größe von 700 Hektar (davon ca. 450 Hektar Landeswaldfläche) und ist auf 280 Hektar als FFH-Gebiet ausgewiesen. Seine naturnahen Waldstrukturen, vor allem aber der Urwaldkern, der seit über 60 Jahren nicht mehr bewirtschaftet wird und seit 1972 Naturwald ist, dienen dem Natur- und Artenschutz in besonderer Weise.

Der Eremit ist eine Käferart, die auf alte Waldstrukturen angewiesen ist. Weil er sehr immobil ist, benötigt er dauerhaft gleichbleibende Lebensraumstrukturen. Damit ist er ein Zeiger für alte Waldstandorte. Als besonders geschützte, weil seltene Anhang-II-Art der FFH-Richtlinie dient seine Förderung zweifach dem Natur- und Artenschutz, weil auch die von ihm bewohnten Wälder unter Schutz gestellt werden. Geruchlich ist der Käfer an einer Pfirsichnote zu erkennen, wie Expert*innen sagen.

Die Eremitensuche mit Spürhunden ist ein Teil des vom NLWKN geförderten Projektes im Rahmen des Programms „Erhalt und Entwicklung von Lebensräumen und Arten“, kurz EELA. Neben dem Herrenholz ist auch der Burgwald Teil des Projektes. Es erfolgt jeweils eine enge Abstimmung mit den Eigentümern, und örtlichen Akteuren.

Jeder Hund kann zum Pathogenspürhund ausgebildet werden. Ein solcher Spürhund ist in der Lage verschiedene Schaderreger an Gehölzen zu finden. Die Ausbildung richtet sich insbesondere an Hundeführer, die als öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige, Baumkontrolleure oder in ähnlichen Arbeitsfeldern tätig sind und als Erweiterung ihrer Dienstleistungen einen Pathogenspürhund anbieten möchten.

Bilder (Landesforsten/Schmidt) zum kostenlosen Download finden Sie hier.

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