Was junge Bäume über den Wildeinfluss verraten – Monitoring im Wildnisgebiet Solling
Das Wildeinflussmonitoring im Wildnisgebiet Solling ist gestartet. Rund zwei Wochen lang waren zwei Mitarbeiter der Fakultät Ressourcenmanagement der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) aus Göttingen im Gebiet und im angrenzenden Wirtschaftswald unterwegs. Dr. Alexander Seliger und Jan Zäh steuerten die Untersuchungsflächen an, maßen sie präzise ein und nahmen erstmals Vegetation, Gehölzverjüngung, Verbiss und Schälsituation nach einem einheitlichen Verfahren auf.
Damit ist der Ausgangspunkt für eine zehnjährige Untersuchung gesetzt. Die Niedersächsischen Landesforsten und die HAWK wollen herausfinden, wie Schalenwild die Waldentwicklung innerhalb des Wildnisgebiets und im angrenzenden Wirtschaftswald beeinflusst. Denn Reh- und Rotwild fressen unter anderem Knospen und junge Triebe, schälen mitunter die Rinde von Bäumen und wirken so auf die Entwicklung der Pflanzen ein. Das ist ein natürlicher Prozess des Waldökosystems. Wie stark dieser Einfluss ausfällt und welche Folgen er langfristig hat, lässt sich jedoch nicht durch einzelne Beobachtungen beantworten.
Wildnis braucht gute Gründe für Eingriffe
Das mehr als 1.000 Hektar große Gebiet wird nach den Qualitätskriterien des Bundesamtes für Naturschutz für großflächige Wildnisgebiete entwickelt. Einen eigenständigen rechtlichen Schutzstatus begründet die Bezeichnung dabei nicht. Inhaltlich ist der Anspruch dennoch klar: Herkömmliche Jagd und andere entnehmende Nutzungen sind in Wildnisgebieten grundsätzlich nicht vorgesehen. Ein Wildtiermanagement kann jedoch aus naturschutzfachlicher Notwendigkeit oder zur Vermeidung von Schäden in angrenzenden land- und forstwirtschaftlich genutzten Gebieten erforderlich sein. Ob solche Maßnahmen notwendig und wirksam sind, muss regelmäßig überprüft werden.
Im Solling ist diese Prüfung besonders wichtig. Mit zunehmender Ruhe im Gebiet, weniger Einzeljagd und einem Wegenetz, das nach und nach aufgegeben wird, können sich Raumnutzung und Verhalten der Wildtiere verändern. Gleichzeitig sollen zukünftig – nach Abschluss der Erstinstandsetzungsmaßnahmen – ausschließlich gebietsheimische Baum- und Pflanzenarten das Wildnisgebiet prägen. Wo Fichten entnommen wurden, sollen sich neue Waldgenerationen aus Naturverjüngung und teilweise gepflanzten heimischen Baumarten entwickeln können. Zu hohe Wildbestände könnten diesem Ziel entgegenstehen, da Rot- und Rehwild gerne junge Triebe von Laubbäumen frisst und so womöglich gebietsfremde Baumarten, wie die Fichte begünstigt.
Das Monitoring erfasst allerdings nicht direkt, wie viele Tiere im Wildnisgebiet leben. Dafür wären ergänzende Verfahren wie Fotofallen oder andere populationsbezogene Untersuchungen notwendig. Es richtet den Blick zunächst auf die Wirkung der Tiere: Welche Baumarten wachsen nach? Wie häufig werden junge Triebe verbissen? Und unterscheiden sich die Entwicklungen innerhalb und außerhalb des Wildnisgebiets?
Vergleichsflächenpaare machen den Unterschied sichtbar
Ein Teil der Untersuchung arbeitet mit permanenten Vergleichsflächenpaaren. Insgesamt wurden 40 solcher Paare in verjüngungsfähigen Waldbeständen nach einem standardisierten Verfahren angelegt – jeweils 20 im Wildnisgebiet und im angrenzenden Wirtschaftswald. Jedes Paar besteht aus zwei Flächen mit vergleichbaren Licht-, Boden- und Vegetationsverhältnissen. Eine Fläche wurde eingezäunt und ist damit vom Schalenwild abgeschirmt, die andere bleibt offen. Welche der beiden Flächen den Zaun erhielt, entschied der Zufall per Münzwurf.
Die Holzhorden für die Gatter wurden von den Harz-Weser-Werken gefertigt und anschließend durch ein Fachunternehmen im Gelände aufgebaut. Die eigentlichen Aufnahmeflächen sind jeweils 10 mal 10 Meter groß; zwischen eingezäunter und offener Fläche liegen nur 5 bis maximal 20 Meter. So lässt sich über die Jahre untersuchen, wie sich die Vegetation unter nahezu gleichen Standortbedingungen mit und ohne Wildeinfluss entwickelt.
Bei der ersten Aufnahme dokumentierten Seliger und Zäh den Ausgangszustand der Vergleichsflächenpaare. Sie steuerten jede einzelne Fläche im Gelände an und maßen jeweils die 4 Eckpunkte mit einem präzisen GPS-Gerät genau ein. Zusätzlich wurden die Eckpunkte der Aufnahmeflächen mit Holzpfählen markiert, um die Flächen für die geplanten Wiederholungsaufnahmen genau abzugrenzen. Die erhobenen Daten gaben sie direkt in Tablets ein. Seliger erfasste die gesamte Waldvegetation – von den bodenbesiedelnden Moosen, über krautige Pflanzen, Farne und Gräser bis hin zu den Bäumen des Altbestands und deren Deckungsgrade. Zäh nahm die Verjüngung im Höhenrahmen von 1 bis 500 cm auf und prüfte die jungen Gehölze genau auf Verbissspuren – einschließlich Hinweisen darauf, ob sie etwa von Hasen oder Schalenwild stammen.
Auf Spurensuche nach geschälten Bäumen
Den zweiten Baustein des Wildeinflussmonitorings stellt die Erfassung der Schälsituation dar. Dafür wurden nach einem standardisierten Verfahren 40 Aufnahmepunkte in jüngeren, grundsätzlich schälfähigen Beständen ausgewählt – ebenfalls je zur Hälfte innerhalb und außerhalb des Wildnisgebiets. Von einem Mittelpunkt aus wurden dort fünf Gruppen mit den jeweils sechs nächstgelegenen Bäumen untersucht: eine Untersuchung im Zentrum und vier weitere Aufnahmen 20 Meter entfernt in den Himmelsrichtungen Nord, Ost, Süd und West.
An jedem Baum wurde geprüft, ob die Rinde geschält worden war und ob es sich um frische Sommerschäle bzw. Schälschäden des vergangenen Winters oder ältere Schäle handelte. An einzelnen untersuchten Bäumen fand sich ältere Schäle, an den dabei besuchten Punkten jedoch nahezu keine frische Schäle. Eine fachliche Einordnung ist erst nach der vollständigen Auswertung aller Aufnahmen möglich.
Ein Langzeitblick statt schneller Antworten
Mit der ersten vollständigen Aufnahme im Jahr 2026 ist der Ausgangszustand nun dokumentiert. Weil die Gatter erst kurz zuvor errichtet wurden, sollten sich eingezäunte und offene Flächen zu Beginn noch weitgehend gleichen. Dieser gemeinsame Startpunkt ist entscheidend: Die Wiederholungsaufnahmen sind für 2029, 2032 und 2035 vorgesehen. Dann lässt sich feststellen, wie sich die Flächenpaare mit und ohne Wildeinfluss entwickeln, ob Verbissspuren auf den ungezäunten Vergleichsflächen zu- oder abnehmen und ob sich Unterschiede zwischen dem Wildnisgebiet und dem angrenzenden Wirtschaftswald feststellen lassen. Kurzfristige Einflüsse wie Witterung, Samenjahre oder Störungen im Kronendach können so besser von langfristigen Entwicklungen unterschieden werden.
Sollten sich deutliche und anhaltende Auswirkungen auf die Verjüngung gebietsheimischer Baumarten oder auf angrenzende Wirtschaftswälder zeigen, liefern die Daten eine gute Grundlage, um das Management innerhalb oder außerhalb des Wildnisgebiets anzupassen. Die Ergebnisse könnten jedoch ebenso zeigen, dass die natürliche Waldentwicklung trotz Wildeinfluss funktioniert und Eingriffe nicht erforderlich sind.
Wildnis bedeutet damit nicht, Entwicklungen ungeprüft sich selbst zu überlassen. Sie bedeutet vor allem, mit Eingriffen zurückhaltend zu sein und sie nur dort vorzunehmen, wo sie fachlich begründet sind. Das Wildeinflussmonitoring hilft, diese Zurückhaltung auf Wissen statt auf Vermutungen zu stützen – und über viele Jahre sichtbar zu machen, wie Wald und Wild im Solling miteinander wirken.
